Buddhabass
Unser grösster Feind und unser grösstes Hindernis in unserer musikalischen Entwicklung ist unser "kleines Ego". Hier will ich einge meiner Gedanken, vor allem aus buddhistischer Sichtweise ausführen, empfehle aber jedem Musiker und eigentlich auch allen Anderen die Lektüre des Buches "Effortless Mastery" von Kenny Werner, das ist Weisheit pur. Er ist zwar kein Buddhist, soviel ich weiss, aber seine Ansichten entsprechen in 99% der buddhistischen Anschauung!
Und hier ein Interview mit Herbie
Hancock aus der "Zeit" vom 23.05.2002:

v.l.n.r.: Herbie Hancock, Wayne Shorter, Bennie Rietveld, Carlos
Santana
Ich habe einen Traum
Herbie Hancock, 61, ist eine Legende des Jazzpianos. Bereits im
Alter von elf Jahren trat er mit dem Chicago Symphony Orchestra
auf. Mit 21 bekam er einen Vertrag beim Label Blue Note und schrieb
Hits wie »Watermelon Man«, »Cantaloope Island« oder »Maiden
Voyage«. Als Weggefährte von Miles Davis betrieb er die Öffnung des
Jazz in Richtung Rock und landete mit dem immens erfolgreichen
Album »Chameleon« schließlich sogar in der Disco. Mitte der
achtziger Jahre dockte er mit »Future Shock« erfolgreich an den
HipHop an. Hancocks Name steht auf etwa 200 Alben. Hier träumt er
davon, ein ganzer Mensch zu sein.
Von Ralph Geisenhanslüke (Aufzeichnung):
An meine Träume erinnere ich mich fast nie. Wenn ich aufwache ist
alles weg. Aber ich habe bestimmte Wünsche. Starke Wünsche. Ich
betrachte mich als Student des Lebens. Die schwerste Kunst ist die
Kunst zu leben. Sie ist schwerer zu erlernen als jedes
Instrument.
Wenn wir Kinder sind und neue Fähigkeiten erlernen, zum Beispiel
Fahrrad zu fahren, gehen wir ein echtes Risiko ein. Niemand, der
zum ersten Mal auf ein Fahrrad steigt, schafft das, ohne ein paar
Mal zu stürzen und sich die Knie aufzuschlagen. Wenn wir aber älter
werden, fürchten wir, uns lächerlich zu machen. Wir haben diese
Tendenz, immer nach Schuld zu suchen. Wir konzentrieren uns auf die
negativen Seiten und erleben uns als Opfer der Umstände. Wir
bekommen Angst vor den Risiken, die nötig sind, um etwas über das
Leben zu lernen. Für viele Menschen ist das Leben eine Reihe von
Hindernissen, die sie mühevoll überwinden, statt darin Chancen zum
Lernen zu erkennen. Ich wünsche mir mehr von dieser kindlichen
Lernbereitschaft.
Es gab ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben: Das war 1972 und hat
mit Buster Williams zu tun, dem damaligen Bassisten in meiner Band.
Wir sollten in Seattle, Washington, spielen und waren, wie so
häufig auf Tournee, völlig übermüdet. Wir hatten definitiv nicht
das für einen Auftritt nötige Energie-Level.
Das erste Stück, das ich für diesen Abend ausgesucht hatte, begann
mit einem Basslauf. Ich würde normalerweise ein Konzert nicht mit
einem so weich klingenden Instrument wie dem Kontrabass eröffnen.
Auch heute würde ich lieber mit etwas anfangen, dass mehr Drive
hat. Aber an dem Abend hatte ich mich aus irgendeinem Grund für
Toys entschieden, das eben mit einem improvisierten Bass-Solo
beginnt.
Buster fing an zu spielen. Und wie aus dem Nichts begann er, eine
phänomenale Musik zu schaffen. Es war kraftvoll. Voller Drama und
Lebensenergie. Jeder, die Band und das Publikum, war vollkommen
weg. Nach diesem Intro merkte ich, dass ich wieder die Kraft hatte.
Wir spielten ein unglaubliches Konzert. Die Leute weinten. Sie
kamen zur Bühne, um unsere Hände zu schütteln, sie sagten: Wir
haben diese Musik nicht gehört, wir haben sie erfahren. Das hatte
ich noch nie jemanden sagen hören. Ich wusste, das alles kam von
Buster und seinem Intro. In der Garderobe sagte ich ihm: »Ich weiß,
du beschäftigst dich gerade mit einer neuen Philosophie oder so
etwas. Wenn es dich so Bass spielen lässt, möchte ich wissen, was
es ist.«
»Ich habe gechantet«, sagte er, »Nam-Myoho-Renge-Kyo.« Ich muss
dazu sagen, dass der einzige Weg, wie Buster und ich bis dahin
miteinander klarkamen, die Musik war. Plötzlich aber erzählte er
mir Dinge aus seinem Herzen. Seine weiteren Antworten berührten
tiefer liegende Dinge, die ich gar nicht gefragt hatte. Ich war
beeindruckt.
»Einfach nur Nam-Myoho-Renge-Kyo?«, fragte ich. »Sonst nichts?« Er
sagte: »Es hat funktioniert. Ich musste dir nicht mal davon
erzählen. Du bist es, der mich danach fragt.« Ich wollte wissen:
»Funktioniert es auch ohne Glauben?« Und er sagte: »Tu es einfach.
Ungefähr 200 Millionen Menschen tun es. Es funktioniert. Das ist
ein Gesetz.« Buster hatte damals selbst noch nicht so viel
Erfahrung, aber er war der Erste, der mir diese Dinge nahe gebracht
hat. Mittlerweile bin ich seit 30 Jahren praktizierender Buddhist.
Ich chante jeden Tag. Es gibt natürlich nicht nur diese eine Zeile.
Es gibt eine Zeremonie, die sich »Hartes Üben« nennt. Dazu gehören
Teile der Lotus-Sutra und auch stille Gebete. Sie drehen sich um
Wertschätzung. Wertschätzung für die Kräfte des Universums und das
Leben. Für einen Musiker kommt der Moment der Wahrheit immer auf
der Bühne. Und seit ich diese Wahrheit auf der Bühne erlebt habe,
begleitet sie mich.
Die Musikindustrie hat im Allgemeinen, wie alle Industrien, weniger
damit zu tun, Wahrhaftigkeit zu schaffen, als Geld zu verdienen.
Aber Musik ist ein Weg zur Wahrheit. Ich glaube, die stärkste Musik
ist die, die man macht, weil man sie teilen will. Nicht aus einem
Geist des Wettbewerbs heraus. Es geht um Vertrauen. Vertrauen in
dich und andere. Und um eine Harmonie mit den Kräften des
Augenblicks. Besonders natürlich im Jazz. Im Jazz erkennt man seine
Gefühle in dem Augenblick, in dem man sie spielt.
So weit ich weiß, war der einzige Musiker in unserer Familie ein
Onkel meines Vaters. Onkel Jack, den ich nie kennen gelernt habe;
er lebte um die Jahrhundertwende und war Jazzmusiker. Mein Vater
wurde 1910 geboren, voriges Jahr ist er gestorben.
Ich sehe ihn immer noch deutlich vor mir.
Als ich zur Welt kam, hatte mein Vater einen Lebensmittelladen in
Chicago. Das war während des Zweiten Weltkriegs. Er wurde zur Armee
eingezogen. Er verkaufte den Laden übereilt und viel zu billig.
Kurz darauf wurde eine Bestimmung erlassen, dass Väter mit Familien
und Kindern nicht zur Armee mussten. Der Laden war weg. Er musste
noch mal ganz von vorn anfangen. Er arbeitete als Metzger, fuhr
Taxi und Bus. Den größten Teil seines Lebens aber war er ein
staatlicher Fleischkontrolleur. Chicago war damals das Zentrum der
Fleisch verarbeitenden Industrie in den USA. Mein Vater hatte keine
Zulassung als Veterinär. Doch obwohl er immer Arzt hatte sein
wollen, liebte er diesen Job. Er besorgte sich Fachliteratur und
lernte alles, was ein richtiger Tierarzt wissen musste. Einmal hat
er sogar Milzbrand bei einer Kuh festgestellt. Das passiert selten,
weil es nicht einfach zu erkennen ist, und es war sehr aufregend
für ihn. Ich bin sicher, er hat dadurch einige Leben gerettet. Mein
Vater hat nicht aufgehört zu lernen, bis er letzten Sommer, mit
über 90 Jahren, von uns ging.
Als ich sieben Jahre alt war, schenkten meine Eltern uns ein
Klavier. Meine beiden Geschwister und ich begannen zur selben Zeit,
Unterricht zu nehmen. Nach zwei oder drei Jahren gaben die beiden
anderen auf. Aber ich lernte schnell und gab bald Konzerte. Ob ich
ein Wunderkind war? Ich war einfach ein Kind, das Klavier spielte.
Mein erster Lehrer spielte Orgel in unserer Kirche. Doch mein
musikalischer Zugang kommt nicht gerade aus der Kirche, sondern
beruht auf einer gründlichen Ausbildung. Auf Studium und Wissen.
Ich spielte viele Jahre Klassik, aber mit 13, 14 Jahren kam der
Jazz, der mich weit über die analytische, intellektuelle Seite der
Musik hinausbrachte. Musik sollte nicht nur von Herzen kommen,
sondern auch dort entstehen.
Trotzdem habe ich mich lange Zeit nur als Musiker gesehen, ehe ich
mich als ganzen Menschen erkannte. Musiker - das ist etwas, das ich
tue. Nicht, was ich bin. Ich bin Musiker, wenn ich spiele, höre
oder darüber rede. Aber ich bin auch ein Sohn, ein Vater, ein
Ehemann, ein Bürger, ein Freund.
Wenn es etwas gäbe, das ich meinen Traum nennen würde, dann ist es
der Wunsch, ein ganzer Mensch zu sein. Einer, der es schafft, das
Leben anderer zu bereichern, statt nur das zu tun, was viele Leute
unter Musik verstehen: das Virtuose. Dahin hat mich der Buddhismus
gebracht. Ich habe gelernt, mit anderen zu teilen.


