Die gaanz offizielle Hartmut Hillmann Heimseite: Bass, Buddhismus, Behinderung

Leute mit besonderen Fähigkeiten, oder Dorfdepp mit Handicap?


Etwas provokativ, der Titel dieser Seite? Nun arbeite ich seit 1990 mit behinderten Menschen und denke sie sind wirklich Behinderte, nämlich von der Gesellschaft in der sie leben behindert, weniger von ihrem Körper. Denn es steht in Deutschland noch immer sehr schlecht um die grundlegendsten Bedürfnisse der "people with special needs", wie die Amerikaner sich vorsichtig ausdrücken. Da hilft aber die ausgeklügeltste sprachliche Schönfärberei ( wie z.B. "special abilities“, „Menschen mit Behinderungen“) nix, wenn nicht ganz pragmatisch Voraussetzungen geschaffen werden, dass alle am öffentlichen Leben teilhaben können.

Als Quereinsteiger bin ich 1990 ins Hochheimer Antoniushaus (heute Antoniushaus gGmbH) gerutscht und habe drei Monate lang ein Rockmusik-Projekt mit Behinderten gemacht. Der Andrang wurde dann so gross, dass ich eine feste zwanzig-Stunden-Stelle und zwei Jahre später eine 3/4 Stelle bekam. Seit 1992 leite ich die integrative (auch so'n schönes Wort) Rockband SELF. Dort lernte ich auch meine an Polio erkrankte Frau Julia kennen, die ich am ersten Geburtstag unseres Sohnes Tatsuya heiratete, nämlich am 8. April 2004. Mittlerweile haben wir auch nochYumi, unsere Tochter dazu bekommen, die Kids sind wirklich ein Geschenk!

SELF ist mittlerweile ein ernstzunehmender Faktor, zumindest in der regionalen Szene. Es macht uns saumässig Spass Coversongs durch die unmöglichsten Grooves und Stilistiken zu jagen, manchmal wird's sogar der Verena zuviel. Die eigentliche Herausforderung für mich besteht jedoch darin, innerhalb kürzester Zeit einem behinderten jungen Menschen Schlagzeug, Bass, Gitarre oder Singen beizubringen, denn keiner der Schüler bleibt, bedingt durch die Schulform, länger als drei Jahre...

Ich lerne immer besser zu lehren, wobei ich insgesamt die Erfahrung gemacht habe, dass weniger (ich, oder Ego) oft mehr (Herauskitzeln von Rhythmusgefühl, oder technischen Fähigkeiten) bedeutet. Und wenn einer der Schüler oder Schülerinnen nach dem Aufenthalt im Antoniushaus dann in eine Band einsteigt und weiter Musik macht bin ich glücklich, gell Christoph, Steffen, Markus, Dominik!?

All dies wäre ohne Verena (Gesang, ehrenamtliche Ex-Mitarbeiterin) unmöglich und deshalb bin ich ihr über alle drei Existenzen hinweg (buddhistischer Fachausdruck;-)) dankbar!

Durch den Buddhismus ist vieles klarer geworden in Bezug auf Behinderung und Musik und das ganze wunderbare und geheimnisvolle Leben.

Update März 2009:
Meine Frau Julia und ich und auch die Kinder haben menschlich sehr viel durchgemacht bedingt durch die Behinderungsgeschichte von Julia, ihrem Heimaufenthalt in Peru und ihrer Adoption durch die deutschen Eltern. Seit letzten November leben wir nun in einer Art "Eltern-WG" zusammen. Es war nicht meine Idee, doch Julia's Geschichte lastet so stark auf ihr, dass sie unsere Beziehung nicht ausgehalten hat, trotz Buddhismus und wider besseres Wissen. Theorie und Leben sind wie immer zwei verschiedene Paar Schuhe... Nachdem ich nun die anfängliche Trauer und auch Wut überwunden habe, chante ich für Julias Buddhaschaft und sehe der Dinge, die da kommen gelassen entgegen. Momentan klappt unsere WG gut und die Kiddies sind ebenfalls guter Dinge.